August Wöhler (1819-1914)
Mit der Entwicklung des Eisenbahnwesens erwiesen sich die herkömmlichen Theorien des Maschinenbaus als unzureichend. So entstanden als Mittler zwischen Konsument und Produzent die Materialforschung und -prüfung, zu deren Pionieren August Wöhler zählt.
Wöhler wurde am 22.6.1819 in Soltau als Sohn eines Lehrers geboren. Durch seine mathematische Begabung aufgefallen, kam er 1835 auf die Höhere Gewerbeschule (später TH) Hannover mit einem jährlichen Stipendium von 100 Talern. Die Auflage, am Studienende ganztags in einer Werkstatt zu arbeiten, legte wohl die Basis zur späteren Entwicklung der so einfachen wie effizienten Prüfgeräte.
Mit vorzüglichem Zeugnis verließ Wöhler die Gewerbeschule, erhielt ein Reisestipendium von 100 Talern, das ihn bewog, nach Berlin zu gehen. 1841-43 arbeitete er bei August Borsig (1804-1854), danach bei der Kgl. Hannoverschen Eisenbahn und wechselte 1847 als Obermaschinenmeister zur Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn in Frankfurt/Oder. Nach deren Übernahme durch Preußen blieb Wöhler, 1854 zum Kgl. Preuß. Obermaschinenmeister ernannt, bis 1869 im Staatsdienst und trat 1869 als Direktor in die Norddeutsche Aktiengesellschaft für Eisenbahnbedarf in Berlin ein. 1874 wurde er als Eisenbahndirektor und Mitglied der Generaldirektion der Reichseisenbahnen nach Straßburg berufen und trat 1889 in den Ruhestand. Wöhler starb am 21.3.1914 in Hannover.
In einer Ministerialkommission war er seit 1852 maßgeblich an der Entwicklung von Dauerbelastungsmessungen von Eisenbahnteilen zur Festlegung allgemeiner Konstruktionsprinzipien im Lokomotiv- und Waggonbau, an der Gestaltung von Schienenprofilen, Achsen, Radreifen und Bremsen, aber auch an Brückenkonstruktionen beteiligt. Als Mitglied des Technischen Ausschusses im Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen trat er für die Einführung einer staatlich anerkannten Klassifikation von Stahl und Eisen ein und forderte die Gründung von Materialprüfungs- und Versuchseinrichtungen. Er beteiligte sich weiter an der theoretischen und praktischen Ausbildung von Prüfverfahren, überließ jedoch die praktische Durchführung seinem Assistenten. Mit der Konstruktion von Apparaturen für Dauerbelastungsversuche betrat Wöhler methodisches und versuchstechnisches Neuland und förderte die Veränderung der Denkweisen in den technischen Disziplinen maßgeblich.
Seine Frankfurter Versuche waren in Fachkreisen zunächst auf wenig Resonanz gestoßen, doch wurde 1870 der Berliner Gewerbeakademie die Weiterführung der Wöhlerschen Versuche mit den originalen Apparaturen angeordnet. Das war der Geburtstag der Mechanisch-technischen Versuchsanstalt, aus der das Preußische Materialprüfungsamt und schließlich die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) - jetzt Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung - hervorging.
Wöhlers Interessen blieben auf das Eisenbahnwesen beschränkt, doch dauerte es nicht allzu lange, bis sich Materialforschung und -prüfung auf alle Bereiche der Technik ausdehnten. 1901 gehörte Wöhler zu den ersten, die von der gerade mit dem Promotionsrecht versehenen TH Berlin den Ehrendoktortitel erhielten.
Lit.: R. Blaum: August Wöhler, in: Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie 8 (1918), S. 34-55; Walter Ruske: August Wöhler (1819-1914); Zur 150 Wiederkehr seines Geburtstages, in: Materialprüfung 11 (1969), S. 181-188; Walter Ruske: 100 Jahre Materialprüfung in Berlin, Berlin 1971.
[M. E.] |