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125 Jahre Technische Universität Berlin

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Otto Nikolaus Witt (1853-1915) Otto Nikolaus Witt (1853-1915)

Als sich Otto Nikolaus Witt 32-jährig an der TH Berlin für "Bleicherei, Färberei und Zeugdruck" habilitierte, konnte er nicht nur Promotion, 10 Jahre Industrietätigkeit und Lehrerfahrung vorweisen, sondern hatte auch den Azo-Farbstoff Chrysoidin erfunden und eine Farbstofftheorie aufgestellt, die - modifiziert - bis in unsere Tage gültig ist.

Witt wurde am 31.3.1853 in St. Petersburg als Sohn eines deutschen Pharmazeuten und einer Deutsch-Russin geboren. 1866 zog die Familie nach Zürich, wo Witt die Industrieschule (etwa Oberrealschule) absolvierte. Ab 1871 studierte er am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH) Zürich Chemie und ging 1873 als Analytiker an eine Eisenhütte nach Duisburg. Seit 1874 Colorist der Kattundruckerei Schießer in Zürich, wurde er 1875 am Polytechnikum promoviert. Es folgten vier Jahre als Erster Chemiker in einer englischen Anilinfarbenfabrik, nach einem weiteren Jahr in Frankfurt/M. wurde er 1880 Lehrer an der Chemieschule in Mühlhausen/Elsass. Ab 1882 war er wissenschaftlicher Leiter in der Azofarben-Industrie in Mannheim. 1885 kam Witt nach Berlin, wo er, 1886 habilitiert, an der TH als Privatdozent lehrte und forschte und 1894 Ordinarius für Chemische Technologie wurde.

1876 hatte Witt mit der Erfindung des Chrysoidins die Synthese einer ganzen Palette gelber bis purpurner Azo-Farbstoffe durch sein Verfahren von Diazotieren und Kuppeln ermöglicht. Das Chrysoidin war keine zufällige Erfindung wie die ersten synthetischen Teerfarben, sondern beruhte auf theoretischen Überlegungen Witts, wie eine Lücke zwischen zwei schon bekannten Farbstoffen zu schließen sei. Im gleichen Jahr stellte er die Theorie auf, wonach Chromogene (meist aromatische Gruppen) durch Chromophore (Azo-, Nitro-, chinoide Gruppen) farbig und durch Auxochrome (Salzbildner, heute: Substituenten mit freien Elektronenpaaren) an das Gewebe gebunden werden. Der Farbstoffcharakter einer Substanz konnte damit erstmals sicher vorausgesagt werden.

An der TH beschäftigte sich Witt zudem mit Silikatchemie (Keramik, Glas) und legte eine umfassende, auch missratene Stücke umfassende Lehrsammlung an. Nicht Spezialistentum, sondern die Anwendung der Chemie als Ganzes war sein Ausbildungsziel, wobei er besonderes Gewicht darauf legte, das wissenschaftliche Denken dem Wesen und den Erfordernissen der Technik anzupassen. Für eine wirklichkeitsnahe Lehre hielt er engen Kontakt zu chemischen Betrieben. Bei der Einweihung des von ihm angeregten und in der Einrichtung geplanten neuen technischchemischen Instituts 1905 wurde sein didaktisches Geschick offenbar - er setzte sogar schon Filme als Unterrichtsmittel ein.

Als gefragter Gutachter mit dem Patentwesen vertraut, präzisierte er Begriffe wie "Erfindungsäquivalent" für Industrieerfordernisse. Seine über 110 Arbeiten und die Herausgabe der Zeitschrift "Die chemische Industrie" bereicherten die Wissenschaft. Mit Berichten von den Weltausstellungen 1893 und 1900, vor allem aber mit seiner Zeitschrift "Prometheus" trug er wesentlich zur Popularisierung der Naturwissenschaften bei. Er wurde mit zahlreichen Orden und Auszeichnungen hoch geehrt. Zudem war Witt ein anerkannter Diatomeenforscher, züchtete Orchideen und schrieb Gedichte. Nach einem Vortrag in der Deutschen Chemischen Gesellschaft am 23.3.1915 erlag er einem Schlaganfall.

Lit.: Emilio Noelting: Otto Nikolaus Witt, 1853-1915, in: Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft 49 (1916), S. 1751-1832; Jean D'Ans: Zum 100. Geburtstage von Otto Nikolaus Witt, in: Chemiker-Zeitung 77 (1953), S. 279-281.

[B. E.]


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Pressestelle | Impressum | 17.09.2004