Peter Wapnewski (* 1922)
Der wahnhafte Nationalismus war endgültig verflogen, deshalb war es unvermeidlich geworden, dass insbesondere eine Wissenschaft wie die Deutsche Philologie wieder einmal ihr Selbstverständnis zu überdenken hatte. "Ihre Wandlungsfähigkeit kann dieser Wissenschaft Bestätigung, Erneuerung oder Verlust der Substanz bringen", schrieb Peter Wapnewski dazu vor über 40 Jahren; und Philologen wie ihm verdanken wir es, dass die Substanz keinesfalls verloren gegangen ist, vielmehr neu entdeckt und die Deutsche Philologie folglich erneuert worden ist.
Peter Wapnewski wurde am 7. September 1922 in Kiel geboren und studierte von 1943 bis 1945 in Berlin, Freiburg, Jena in einer "Cavaliers-tour durch Fakultäten und Fächer" Kulturwissenschaften und von 1945 bis 1949 in Hamburg Ältere Deutsche Philologie und Klassische Archäologie; 1949 promovierte er dort mit der Schrift Die Übersetzungen mittelhochdeutscher Lyrik im 19. und 20. Jahrhundert und habilitierte sich im Jahre 1954 an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit über Wolframs Parzival. Von 1956 bis 1958 lehrte er in Tübingen, 1959 wurde er als Professor der Deutschen Philologie nach Heidelberg berufen und 1966 an die Freie Universität Berlin. 1969 wechselte er nach Karlsruhe - "Berlin drohe Provinz zu werden", meinte er damals -, 1980 wurde er Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin und verhalf Berlin damit aus dessen provinziellem Dasein heraus; 1982 berief ihn schließlich die TU Berlin, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1990 lehrte.
"Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit."
Wer mit diesen Versen anhebt, der erzählt uns mit dem Nibelungenlied in der Tat viel Bewundernswertes von ruhmreichen Helden und großer Mühsal, ja fast zu viel, wenn wir an den Nibelungenmythos denken, welcher der Verruf des Nibelungenliedes ist; und dadurch wurde dem Literaturliebenden wie bei kaum einem anderen mittelalterlichen Werk die Sicht auf die Schönheit und das Rätselhafte dieser Dichtung verstellt. Doch Aufsätze wie Peter Wapnewskis Interpretation der "zartesten Szene des ganzen Epos" - Hagen erbittet Rüdigers Schild - vermögen einem den Reiz des Nibelungenliedes von neuem zu erschließen, und gleiches gilt hinsichtlich seiner übrigen Untersuchungen über mittelalterliche Dichtungen, ob Rolandslied, Tristan, Parzival, Minnesang oder das Tagelied Heinrichs von Morungen. Mit Recht heißt es in einer Zeitschrift für Literaturgeschichte über ihn, dass er "Modellstudien" geliefert habe; dies trifft insbesondere auf die Form zu, denn Peter Wapnewski gehört zu jenen Wissenschaftlern, die nicht wissen, weshalb sie unverständlich schreiben sollen, wenn sie doch verstanden werden möchten - und die folglich in klarer Ausdrucksweise verständlich schreiben. Schon seine wegweisende Habilitationschrift fällt durch ihre Lesbarkeit aus dem Rahmen - auch heute noch. Überdies zählt er zu jenen Germanisten, die einen eleganten Sprachstil im Deutschen keinesfalls als ein Verfallszeichen der Deutschen Philologie deuten. Deshalb seien Peter Wapnewskis Zuschreibungen empfohlen, die neben Beiträgen über das Mittelalter auch welche über die Neuere Literatur und über Musik enthalten und damit einen lesenswerten Querschnitt seines gesamten Schaffens bilden.
Lit.: Wolframs Parzival. Studien zur Religiosität und Form. Heidelberg 1955. - Deutsche Literatur des Mittelalters. Ein Abriß von den Anfängen bis zum Ende der Blütezeit. 2. Auflage Göttingen 1971. - Zuschreibungen. Gesammelte Schriften. Hildesheim und Zürich 1994.
[F. H.] |