Iwan N. Stranski (1897-1979)
Als erster Sohn und drittes Kind eines bulgarischen Hofapothekers und einer Deutschbaltin wurde Iwan Nicolá Stranski am 2.1.1897 in Sofia geboren. Seine schweren Krankheiten von Kindheit an prägten ihn zeitlebens. Um sich selbst helfen zu können, entschloss er sich zum Medizinstudium, und um dies von einem höheren Niveau zu tun, studierte er erst einmal Chemie, zuerst in Wien, dann in Sofia, wo er 1922 das Diplom erwarb. Anschließend ging er nach Berlin an das physikalisch-chemische Institut der Universität, wo er bei Paul Günther (1892-1969) die Doktorarbeit über Röntgenspektralanalyse anfertigte und 1925 promoviert wurde. In Sofia wurde er 1926 zum o. Dozenten, 1929 zum a.o. und 1937 zum o. Professor ernannt. 1930/31 arbeitete Stranski als Rockefeller-Stipendiat am Institut für Physikalische Chemie der TH Berlin. Seitdem verband ihn eine lange wissenschaftliche Freundschaft mit Max Volmer (1885-1965). 1935/36 war er Abteilungsleiter am Physikalisch-technischen Institut des Urals in Swerdlowsk. 1941 kam Stranski endgültig nach Deutschland. 1941-1944 war er Gastprofessor an der Universität und TH in Breslau bei Rudolf Suhrmann (1895-1971), seit 1944 Wissenschaftliches Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem (jetzt Fritz-Haber-Institut) und seit 1953 dessen stellvertretender Direktor. Als Nachfolger von Max Volmer berief ihn die TU Berlin 1946 zum Ordinarius für physikalische Chemie. Als Honorarprofessor lehrte er bis 1963 auch an der FU Berlin. Stranski starb am 19.6.1979 in Sofia.
Seine Habilitationsarbeit über die Gleichrichterwirkung von Kristalldetektoren (1925) sowie eine Veröffentlichung von Erwin Madelung aus dem Jahre 1919 lenkten Stranskis Interesse auf die Probleme des Kristallwachstums und der Kristallauflösung. Erste Überlegungen führten ihn gleichzeitig mit und unabhängig von Walter Kossel (1888-1956) zu einem idealen Modell, dem "Kossel-Stranski-Kristall". Er schrieb der "Halbkristall-Lage" und der "mittleren Abtrennarbeit" zentrale Bedeutung zu. Weiterhin gab er eine kinetische Ableitung der Thomson-Gibbs-schen Gleichung und mit den Gesetzen der Keimbildungshäufigkeit eine theoretische Ableitung der Ostwaldschen Stufenregel. Erwähnenswert sind Arbeiten über den Urotropinzerfall, die Polymorphie des Arsentrioxids, den Schmelzvorgang, die Tribolumineszenz und die Anwendung seiner theoretischen Erkenntnisse auf technische Prozesse der Stahlgewinnung. Mit Überlegungen zur Elektronenemission aus Kristallflächen hat er wesentlich zum Verständnis des Feldelektronenmikroskops von Erwin W. Müller (1911-1977) beigetragen.
Als Rektor setzte sich Stranski geschickt und erfolgreich für den Ausbau der TU Berlin ein, die ihm 1963 die Ehrensenator- und 1964 die Ehrendoktorwürde - eine von vielen - verlieh. Die Ernennung zum Auswärtigen Mitglied der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (1966) freute ihn besonders. Zwei Forschungsinstitute heißen nach ihm: das Iwan N.-Stranski-Institut der TU Berlin und das I. N.-Stranski-Institut für Metallurgie in Oberhausen.
Lit.: Kurt A. Becker und Jochen Block: Iwan N. Stranski, in: Max-Planck-Gesellschaft, Berichte und Mitteilungen, 1980, Heft 3; Rolf Lacmann: Iwan N. Stranski, in: Zeitschrift für Kristallographie 156 (1981), S. 167-175; R. Kaischew: On the history of the creation of the molecular kinetic theory of crystal growth, in: Journal of Crystal Growth 51 (1981), S. 643-650.
[M. E.] |