Georg Schlesinger (1874-1949)
Georg Schlesinger, der am 17. Januar 1874 in Berlin geboren wurde, entstammte einer jüdischen Familie. Nach seinem Abitur absolvierte er ein einjähriges Praktikum in einer Mechanikerwerkstatt, bevor er sich 1892 an der Technischen Hochschule Berlin immatrikulierte. Sein Studium des Maschinenbauwesens schloss er 1897 mit einer prämierten Diplomarbeit über Dampfmaschinensteuerung ab.
Bereits seit März 1897 arbeitete Schlesinger bei der Werkzeugmaschinenfabrik Ludwig Loewe & Co AG als Konstrukteur. 1902 übernahm er bei Loewe die Leitung der Konstruktionsabteilung. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Schlesinger der Werkstatt-Messtechnik, er schuf das erste funktionsfähige Grenzlehren- und Passungssystem.
Über das Thema Passungssysteme für den Werkzeugmaschinenbau promovierte Schlesinger 1904 an der TH Berlin. Noch im selben Jahr wurde er auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe an der TH berufen. Ab 1906 baute er hier das Versuchsfeld für Werkzeugmaschinen auf, das beispielgebend für vergleichbare Lehrstühle in Deutschland wurde. Schlesingers Forschungstätigkeit war breit angelegt, von der Konstruktion von Werkzeugmaschinen, über die Einbindung der menschlichen Arbeitskraft in den Produktionsprozess, bis zur Fabrikorganisation. Zahlreiche Unternehmen beriet Schlesinger bei der Konzipierung neuer Anlagen und der Umstrukturierung der Produktion.
Während des 1. Weltkrieges leitete Schlesinger die Königliche Gewehrfabrik in Spandau und war wesentlich an der Gründung einer Prüfstelle für Ersatzglieder beteiligt. Hier wurden Prothesen unter dem Aspekt der beruflichen Wiedereingliederung von Kriegsbeschädigten getestet und neue Prothesen entwickelt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden an Schlesingers Lehrstuhl Pionierarbeiten auf den Gebieten der wissenschaftlichen Betriebsführung und einer rationalisierten Produktionsweise geleistet. 1924 reiste Schlesinger durch die USA, um die Entwicklungen im Werkzeugmaschinenbau und der Automobilindustrie zu studieren. In zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen zeigte Schlesinger Möglichkeiten auf, von den amerikanischen Produktionsverhältnissen zu lernen. Auch in seine Tätigkeit als Industrieberater floss diese Erfahrung ein. 1918 gründete Schlesinger außerdem eine Arbeitsgruppe für industrielle Psychotechnik, aus der 1922 ein eigenständiges Institut hervorgehen sollte. Ziel war es, die Erkenntnisse der Experimentalpsychologie für die Optimierung des industriellen Arbeitsprozesses nutzbar zu machen.
Nach Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 musste Schlesinger wegen seiner jüdischen Abstammung seinen Lehrstuhl an der TH aufgeben. Außerdem wurde er im April 1933 unter dem haltlosen Vorwurf der Spionage verhaftet und saß sieben Monate in Untersuchungshaft. Im März 1934 emigrierte er in die Schweiz, wo er als Gastdozent an der ETH Zürich wirkte. Im November 1934 siedelte er nach Brüssel über, wo er als Industrieberater und Dozent an der Université Libre arbeitete. 1939 emigrierte Schlesinger nach Großbritannien. Hier richtete er ein Forschungslaboratorium für Fertigungstechnik in Loughborough ein, das er bis 1944 leitete. Noch am Morgen seines Todestages, am 6. Oktober 1949, schloss er das Manuskript für sein letztes Werk, die "Messung der Oberflächengüte", ab.
Lit.: Günter Spur, Wolfram Fischer (Hrsg.): Georg Schlesinger und die Wissenschaft vom Fabrikbetrieb. München; Wien: Carl Hanser 2000
[J. Z.] |