Eugen Sänger (1905-1964)
"Schaff Schiffe, oder vielmehr: Dem Himmelswind gemäße Segel richte her", rief Kepler dem Entdecker der Jupitermonde begeistert zu: Menschen werde es geben, die schräken selbst vor jener Ödnis nicht zurück. Er sah, dass nicht so sehr ein besonderes Fahrzeug zu entwerfen und zu bauen sei, sondern dass vor allem zu überlegen sei, wie man sich außerhalb irdischer Gefilde fortbewegen könne. Zudem galt es, erst einmal die Schwere zu überwinden, welche die Träumenden einstweilen noch mit beiden Beinen auf dem Boden der Erde stehen ließ. Der zündende Funke entsprang am Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Antriebsprinzip der Feuerwerksraketen und entfachte Anfang der 1930er Jahre die ersten genauen mathematischen Untersuchungen über ein Raumflugzeug, das Geschwindigkeiten von Mach 10 in einer Höhe von 60 bis 70 km erreichen sollte.
Deren Urheber Eugen Sänger wurde am 22. September 1905 im böhmischen Preßnitz geboren. Während seiner Jugend hatte ihn Kurd Laßwitz' Science-Fiction-Klassiker Auf zwei Planeten beeindruckt, und obschon er 1923 an der TH Graz den Weg zum Bauingenieur eingeschlagen hatte, belegte er bald nach einem Wechsel an die TH Wien zusätzlich das Fach Flugwissenschaft, und zwar nachdem er Hermann Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen gelesen hatte. Sänger promovierte 1930 an der TH Wien, blieb dort als Assistent und veröffentlichte 1933 seine bisherigen Forschungsergebnisse in seinem Buch Raketenflugtechnik, welches seinem Anspruch, das Problem des Raketenfluges in ernst zu nehmende Bahnen zu lenken, in beeindruckender Weise gerecht wird. Eugen Sänger hob darin in einer Aufzählung einiger "unmittelbar praktischer Aufgaben" des Raketenfluges zudem hervor, dass dieser "notfalls eine Kriegswaffe von außerordentlicher Wirkung bilden" solle.
Oberth hatte die Möglichkeit eines Fluges außerhalb der Erdatmosphäre samt den zu bewältigenden Herausforderungen aufgezeigt. Das Hauptproblem bereitete der Antrieb; es hieß, die Brennstoffkammern der Rakete zu optimieren und einen geeigneten Kraftstoff zu finden, dessen Heizwert vor allem eine möglichst hohe Auspuffgeschwindigkeit ergeben sollte, und hier setzte Sänger mit seinen Untersuchungen an. Nachdem er sich 1936 entschieden hatte, jene im Deutschen Reich fortzuführen, erhielt er ein Jahr später den Auftrag, in Trauen ein Institut zur Erforschung der Raketentechnik einzurichten, wo er überdies begann, das Staustrahltriebwerk zu entwickeln. Seit 1942 setzte er seine Forschungen in Ainring fort, nach dem Kriege erst in Frankreich und seit 1954 in Deutschland. Neben seinen einfallsreichen Weiterentwicklungen des Antriebes widmete er sich seinem Lieblingsvorhaben eines wiederverwendbaren Raumflugzeuges, welches nur bis zu einer Außenstation im Weltraum fliegen sollte. 1963 berief die TU Berlin Eugen Sänger auf den Lehrstuhl für Raumfahrt; er starb jedoch bereits 1964.
Sänger wurde nicht müde, Grundlagenfragen der Raumfahrt zu betrachten und dabei in die Zukunft zu blicken. So erörterte er schon 1956 das Prinzip einer relativistischen Antriebsmechanik, des so genannten Photonenstrahlantriebes; der Treibstoff wird in Strahlungsquanten verwandelt, die mit Lichtgeschwindigkeit ausgestrahlt werden. Einstweilen ein Traum, doch der nüchternen Träumer bedarf die Weltraumfahrt.
Lit.: Raketenflugtechnik. München und Berlin 1933. - Zur Mechanik der Photonen-Strahlantriebe. München 1956. - Raumfahrt: heute - morgen - übermorgen. Düsseldorf und Wien 1963.
[F. H.] |