Hermann Rietschel (1847-1914)
Am 19. April 1847 wurde Hermann Immanuel Rietschel als Sohn des berühmten Bildhauers Ernst Rietschel (1804-1861) in Dresden geboren. Nach dem Tod seines Vaters 1861 begann Hermann Rietschel mit 14 Jahren seine Ausbildung in einer Dresdener Schlosserwerkstatt und besuchte ab 1863 die Königlich Polytechnische Schule in Dresden. 1866 trat er in die Maschinenfabrik Eggendorff in Linden bei Hannover ein. Im Sommer 1867 siedelte Rietschel nach Berlin über, wo er sich an der Königlichen Gewerbeakademie immatrikulierte.
Nach Abschluss seines Studiums 1870 arbeitete Rietschel zunächst für die Firma J. & A. Aird. 1871 machte sich er dann mit einem Installationsbetrieb für Heizungs-, Ventilations-, Gas- und Wasseranlagen selbstständig. 1872 gründete er gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Freund Rudolf Henneberg (1845-1909) die Firma Rietschel & Henneberg. Dank der Kreativität der beiden Gründer entwickelte sich die Firma schnell vom Handwerksbetrieb zum Industrieunternehmen.
Im steigenden Maße wurde Rietschel von Auftraggebern aus der öffentlichen Verwaltung als Berater in Fragen der Gesundheitstechnik herangezogen. Im Januar 1880 beteiligte sich Rietschel an der Gründung des Verbands deutscher Ingenieure für Heiz- und Gesundheitstechnische-Anlagen. Im gleichen Jahr trennte er sich von seinem Freund und Geschäftspartner und begann eine zweite Laufbahn als Zivilingenieur und Wissenschaftler. Neben zahlreichen Entwurfsarbeiten und Gutachten begann Rietschel, auch publizistisch tätig zu werden. Die für 1882 geplante Hygiene-Ausstellung in Berlin wurde wesentlich von Rietschel vorbereitet. Nachdem die gesamte Ausstellung einen Tag vor der geplanten Eröffnung nieder brannte, schaffte es Rietschel, sie innerhalb eines Jahres zu rekonstruieren. Ende 1883 wurde Rietschel in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste der Professorentitel verliehen.
Am 13. Juli 1885 wurde Rietschel auf den weltweit ersten Lehrstuhl für Ventilations- und Heizungswesen an der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin berufen. 1887 wurde dem Lehrstuhl eine Prüfstation für Heizungs- und Lüftungsanlagen angegliedert, zahlreiche Forschungsthemen wurden hier bearbeitet - so unter anderem zur Bestimmung von Wärmekoeffizienten und Wärmeabgabe von Dampf und Wasserheizkörpern, Versuche über Luftströmungen in Rohren und Kanälen sowie Eichung von Messinstrumenten der Heiz- und Raumlufttechnik. 1907 konnte ein Neubau für das Labor bezogen werden. Rietschels gesammelte Erfahrung floss in den ,Leitfaden zum Berechnen und Entwerfen von Heizungs- und Lüftungsanlagen' ein, der 1893 erschien.
In den Studienjahren 1889/90 und 1899/1900 wurde Rietschel zum Dekan der Abteilung Architektur gewählt und 1893/94 zum Rektor der TH Berlin. Rietschels Leistung wurde vielfach gewürdigt, so unter anderem durch einen Ehrendoktor der Technischen Hochschule Dresden, die Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Kgl. Schwedischen Akademie der Wissenschaften sowie zum Ehrenmitglied des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins und des Royal Sanitary Institute in London. 1910 wurde Rietschel emeritiert, am 18. Februar 1914 verstarb er in Berlin nach langer schwerer Krankheit.
Lit.: Klaus W. Usemann: Entwicklung von Heizungs- und Lüftungstechnik zur Wissenschaft: Hermann Rietschel - Leben und Werk. München; Wien: Oldenbourg 1993
[J. Z.] |