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125 Jahre Technische Universität Berlin

[TU Berlin]

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István Polónyi (* 1930) István Polónyi (* 1930)

Die Kernspaltung bereitet den Menschen weitaus weniger Schwierigkeiten als die Kernverschmelzung, und wenn sich eine Wissenschaft erst einmal in zwei Teile aufgespalten hat, finden beide nur mühsam wieder zueinander und suchen lieber die Trennung - so die Architektur und das Bauingenieurwesen. Einer gedeihlichen Zusammenarbeit ist das abträglich, weshalb István Polonyi durch Worte und Taten versucht, die verloren gegangene Einheit des Bauens weitestmöglich zurückzuerlangen.

István Polónyi wurde am 6. Juli 1930 im ungarischen Gyula geboren; 1952 erhielt er an der TH Budapest das Diplom für Bauingenieurwesen und arbeitete danach an dieser Hochschule und nebenher in der Industrieplanung, bevor er 1956 nach Köln übersiedelte und dort ein Jahr später ein Ingenieurbüro eröffnete. Nachdem er durch einige Arbeiten und insbesondere durch Kirchenbauten mit Dachflächen aus hyperbolischen Paraboloiden bekannt geworden war, berief ihn 1965 die Architekturfakultät der TU Berlin zum Professor der Tragwerkslehre. Anschließend lehrte er von 1973 bis 1995 an der Universität Dortmund als Professor der Tragkonstruktionen.

István Polónyi hat sich schon bei seinen ersten Aufträgen als Ingenieur um eine enge Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Architekten bemüht und verweist darauf, dass er sich bei den Kirchenbauten gut in den Architekten hineinversetzen konnte und die Form sogar gemeinsam mit ihm entwickelt hat. Als er 1973 an der Universität Dortmund mit anderen die Fakultät Bauwesen gründen sollte, ergriff er die Gelegenheit beim Schopfe und entwarf mit seinen Kollegen das "Dortmunder Modell Bauwesen": Architekten und Bauingenieure durchlaufen einen gemeinsamen Ausbildungsweg mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten; und bereits als Studenten lernen sie, mit dem Partner im zukünftigen Berufsleben zusammenzuarbeiten, weil sie sich im Rahmen ihrer Ausbildung mitgemeinsamen Projekten zu beschäftigen haben.

Während all der Jahre als Hochschullehrer hat István Polónyi auch sein Ingenieurbüro betrieben und gezeigt, dass eine Verbindung aus Lehre und Berufspraxis fruchtbar und der Lehre überaus förderlich sein kann. Er konnte so stets aus erster Hand aus dem Alltag der Tragkonstruktionen berichten, über Projekte, Untersuchungen und seine Zusammenarbeit mit den Architekten; insbesondere brauchte er es nicht bei bloßen Beschreibungen der Bauwerkskonstruktionen zu belassen, sondern konnte seinen Studenten darlegen, aus welchen Gründen die Bauwerke so geworden sind.

István Polónyi setzt sich überdies mit grundsätzlichen philosophischen Fragen des Bauingenieurwesens auseinander und hat wiederholt das Verwenden eines unangebrachten Wissenschaftsideals angeprangert. Dem Ingenieur gemäß sei das von Francis Bacon und Galilei begründete induktiv-empirische Vorgehen, das die Baustatik hervorgebracht habe; jedoch nicht das von Pythagoras herstammende deduktive Denkverfahren, wodurch die Baustatik unter dem Einfluss der Leibnizschen Metaphysik in die idealisierte Elastizitätstheorie überführt worden sei. Mit dieser Elastizitätstheorie gehe der Ingenieur nunmehr deduktiv vor, der Architekt jedoch weiterhin induktiv, und darin sieht István Polónyi eine der Ursachen des beklagten Auseinanderdriftens, welches mit dem Dortmunder Modell korrigiert werden könne.

Lit.: Revision des Wissenschaftsverständnisses. Kassel 1986. - Mit zaghafter Konsequenz. Aufsätze und Vorträge zum Tragwerksentwurf 1961-1987. Wiesbaden 1987. - Architektur und Tragwerk (mit Wolfgang Walochnik). Berlin 2003.

[F. H.]


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Pressestelle | Impressum | 17.09.2004