Konrad Mellerowicz (1891-1984)
Konrad Mellerowicz wurde am 24.12.1891 in Jerwitz (jetzt Poznan, Stadtteil Jerzyce) geboren und wuchs als Fabrikantensohn in Beuthen/Oberschlesien auf. Im väterlichen Betrieb zum Industriekaufmann ausgebildet, studierte er 1914 Philosophie und Neuphilologie an der Universität Breslau, wurde jedoch bald eingezogen. 1919 ging er an die Handelshochschule (HHS) Berlin, wo er neben Betriebswirtschaftslehre (BWL) bei Friedrich Leitner (1874-1945) und Willi Prion (s.d.) auch Pädagogik bei Eduard Spranger (1882-1963) und Volkswirtschaftslehre (VWL) bei Werner Sombart (1863-1941) hörte und 1921 das Diplom als Handelslehrer erwarb. 1923 an der HHS Hamburg zum Dr. rer. pol. promoviert, wurde er Assistent von Leitner, bei dem er sich 1926 für das Gesamtgebiet BWL habilitierte. Als Privatdozent vertrat er einen Lehrstuhl der HHS und zeitweise in Kiel, bis er 1929 ein Extraordinariat für Theoretische BWL und BWL des Verkehrs an der HHS Berlin erhielt, an der er 1934 Ordinarius und 1938 Nachfolger Leitners für Allgemeine und Industrielle BWL wurde. An der 1935 in Wirtschaftshochschule (WHS) umbenannten HHS las er über Wertungslehre, Rechnungswesen und Kostentheorie, Industriebetriebslehre, Bankwesen und Betriebslehre des Verkehrs, wobei er stets die Betriebs- in die Volkswirtschaftslehre einband.
Mit der WHS wurde Mellerowicz 1946 an die Humboldt-Universität übernommen. Nach der Äußerung "es gibt keine sozialistische oder liberalistische BWL, hier gibt es nur eine gute oder eine schlechte" entging er 1950 nur durch Flucht der Verhaftung. Schon drei Tage später erhielt er einen Ruf an die TU Berlin, wohin ihm über 160 seiner Ostberliner Schüler folgten, sodass er 1952 eine eigenständige Fakultät für Wirtschaftswissenschaften mit neuen Studiengängen - immer mit Technikbezug - an der TU Berlin begründen konnte. Hier lehrte er neben Theoretischer BWL und Industriebetriebslehre auch Preispolitik, Markenartikelwesen, Werbung, Unternehmenspolitik und Betriebliches Rechnungswesen.
Mellerowicz hatte kein enges Spezialgebiet sondern dachte gesamtwirtschaftlich. Kants "es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie" motivierte ihn zu ständigem Praxisbezug, die reine Mathematisierung hielt er für einen Irrweg, da er für eine sozialverantwortliche Wirtschaftsführung eintrat. Bürgersinn, Verpflichtung gegen die Gemeinschaft, Kontaktfreude und Fairness forderte er nicht nur von seinen Studenten: So lehrte er nach der Emeritierung 1959 als sein eigener Lehrstuhlvertreter weitere 7 Jahre und hielt bis zu seinem Tod durch Herzinfarkt am 25.1.1984 Doktorandenseminare ab. Sein Sohn Harald, Sportmediziner an der FU Berlin, stiftete zum 100. Geburtstag des Vaters den Konrad Mellerowicz-Preis, mit dem alle 2 Jahre hervorragende Arbeiten zur Unternehmensführung ausgezeichnet werden. Ehemalige Schüler ließen zum 111. Geburtstag den maroden Hörsaal 1058 hochmodern in Stand setzen.
Nicht nur für seine über 400 Aufsätze und fast 30 Bücher wurde er 1961 mit dem Großen Verdienstkreuz, dem Goldenen Ehrenring der Deutschen Gesellschaft für Betriebswirtschaft und 1965 der Ehrensenatorwürde der TU Berlin geehrt, sondern auch für sein Engagement in "kampfesfroher Unnachgiebigkeit".
Lit.: Aktuelle Betriebswirtschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Konrad Mellerowicz, 1952. - Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspraxis. Festschrift zum 70. Geburtstag von Konrad Mellerowicz, 1961. Konrad Mellerowicz. Bibliographie seiner Veröffentlichungen und Aufsatzsammlung, 1990. - NDB.
[B. E.] |