Herbert Kölbel (1908-1995)
Am 13.8.1908 in Wulsdorf (jetzt Bremerhaven) geboren, besuchte Herbert Kölbel das Realgymnasium in Hannover. 1928 begann er das Chemiestudium in Freiburg/Br. bei Hermann Staudinger (1881-1965), 1930 folgte er Walter Hückel (1895-1973) nach Greifswald, bei dem er 1934 promovierte. Als Assistent von Franz Fischer (1877-1947) am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung in Mülheim/ Ruhr lernte er die 1925 entwickelte Fischer-Tropsch-Synthese (FT) kennen, bei der mit aus Kohle gewonnenem CO und H2 und einem Kobaltkatalysator eine Reihe Kohlenwasserstoffe (KW) als "Kogasin" synthetisiert werden, vor allem für die Benzinsynthese.
1936 ging er zur Rheinpreußen AG Homberg/Rhein als Forschungsleiter für die Inbetriebnahme der ersten großtechnischen FT-Anlage, wurde 1938 Leiter des Synthese-Forschungslabors und ab 1943 Leiter eines Rheinpreußen-Werks. Ihm gelangen Synthesen eines Dieselkraftstoffs aus Kogasin und Teerölen und von Schmierölen für die Kriegsmarine und Reichsbahn. Wegen des Verlusts der Patente, der Zerstörung der Anlagen und Verboten der Besatzungsmacht musste ab 1945 auf Waschmittelproduktion umgestellt werden; für sie entwickelte er bereits abbaubare Tenside. Seine Forschungen über Reaktionsmechanismen im FT-Verfahren führten zu wesentlichen Verbesserungen: In Mehrphasen-Reaktoren ermöglichten suspendierte Katalysatoren eine bessere Wärmeabfuhr und höhere Ausbeuten, im Kölbel-Engelhardt-Verfahren erzielte er 1951 mit dem Einsatz von Eisen statt Kobalt als Katalysator und Wasserdampf statt Wasserstoff eine wesentliche Verbilligung.
1953 wurde Kölbel als Ordinarius an die TU Berlin berufen, wo er die Technische Chemie wiederaufbaute. 1969 konnte der von ihm geplante und benannte Franz-Fischer-Bau bezogen werden. Seine Forschungen an der TU galten weiter der KW-Chemie: Er untersuchte Reaktionsmechanismen der FT-Synthese, den Einfluss der Konstitution von Tensiden auf ihre Eigenschaften und optimale Strukturmerkmale von Schmierölen, klärte die elektronischen Wechselwirkungen zwischen Gasen und metallischen Katalysatoren und konnte das hydrodynamische Verhalten von Mehrphasenreaktoren mit mathematisch exakten oder halbempirischen Modellgleichungen beschreiben. Daraus entstanden Abschätzungen optimaler Dimensionen und Betriebsbedingungen der Reaktoren, Synthesen höhermolekularen Polymethylens, die einstufige Synthese von Aminen aus Kohlenoxid, Wasser und Ammoniak sowie eine Reihe neuer Schmieröl- und Kunststoffsynthesen. Er gestaltete die Lehre neu, indem er die Wirtschaftschemie zur Prüfung neuer Verfahren, die Theorie der Apparaturen und eine systematische Verfahrenslehre einbezog.
Kölbel engagierte sich als Dekan und Rektor in der universitären Selbstverwaltung und war in wissenschaftlichen und technischen Gesellschaften aktiv. 1967 wurde er in die Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen. 1973 emeritiert, starb er am 28.9.1995 in Berlin.
Kölbel bereicherte nicht nur die Technische Chemie um 227 Veröffentlichungen und 433 Patente: Nur eine Verletzung verhinderte seine Teilnahme als Stabhochspringer an den Olympischen Spielen 1936, und mit 180 öffentlichen Konzerten, dem Buch "Über die Flöte" und Noteneditionen unbekannter oder verschollener Werke hat er sich auch in der Musikwelt einen guten Ruf erworben.
Lit.: TU-Archiv
[B. E.] |