Heinrich Hertel (1901-1982)
Am 13. November 1901 wurde Heinrich Hertel in Düsseldorf geboren. Er studierte von 1921 bis 1925, zunächst an der TH München, später an der TH Berlin, Bauingenieurwesen. Anschließend wurde er Assistent, bald Versuchsleiter, an der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlershof. Aus der Untersuchung von Flugzeugunfällen entwickelte sich seine Forschung zur dynamischen Belastung und der Ermüdungsfestigkeit von Flugzeugkonstruktionen. 1930 promovierte er an der TH Berlin mit einer Arbeit zur Verdrehsteifigkeit und Verdrehfestigkeit von Flugzeugbauteilen.
1933 wurde Hertel von Ernst Heinkel (1888-1958) engagiert. Im folgenden Jahr wurde er zum technischen Direktor des Heinkel-Flugzeugwerks in Rostock ernannt und übernahm die Leitung der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Nach einem Streit mit Heinkel wechselte Hertel 1939 zu den Junkers-Flugzeugwerken, wo er Entwicklungschef und Mitglied des Vorstands wurde. Bereits 1938 hatte er an der Universität Rostock eine Honorarprofessur erhalten und 1941 eine Honorarprofessur an der TH Braunschweig. Nach Kriegsende ging Hertel nach Frankreich, wo er an der Entwicklung von strahlgetriebenen Langstreckenflugzeugen und an der Entwicklung der Senkrechtstarttechnik arbeitete.
Nachdem das alliierte Verbot der Luftfahrtforschung in Deutschland aufgehoben worden war, berief die TU Berlin Hertel 1955 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Luftfahrzeugbau. Zunächst mit nur einer Assistentenstelle ausgerüstet konnte Hertel seine Arbeitsgruppe durch Einwerbung zahlreicher Drittmittel rasch ausbauen. 1960 konnten die drei flugtechnischen Lehrstühle der TU in ein neu errichtetes Institutsgebäude umziehen, für das sich Hertel mit großem Engagement eingesetzt hatte.
An der TU nahm Hertel seine Forschung zur Ermüdungs- und Betriebsfestigkeit von Flugzeugkonstruktionen wieder auf. Seine Ergebnisse fasste er in dem 1969 erschienenen Buch "Ermüdungsfestigkeit der Konstruktion" zusammen, das erste Werk zu diesem Themenkomplex in deutscher Sprache. Seine Arbeiten zur Entwurfs- und Konstruktionstechnik sowie zu neuen Bauweisen und Fertigungsverfahren fanden ihren Niederschlag in dem 1960 veröffentlichten Lehrbuch "Leichtbau", das schnell zum Standardwerk für den Luftfahrzeugbau wurde. Außerdem setzte er seine in Frankreich begonnenen Arbeiten zur Senkrechstarttechnik an der TU fort.
Richtungsweisend wurde Hertels Forschung auf dem Gebiet der Biologie und Technik. Nach Untersuchung der Körperform verschiedener Fischarten schlug er Anfang der sechziger Jahre eine spindelförmige Rumpfform für die Flugzeugkonstruktion vor. Ein solcher Rumpf hätte bei größerem Nutzraum einen geringeren Luftwiderstand als ein herkömmlicher Zylinderrumpf. Auch wenn Hertels Vorschlag aus technischwirtschaftlichen Gründen bisher nicht in die Praxis umgesetzt worden ist, wurde er mit diesen Arbeiten zum Vordenker der Bionik. Auf diesem Gebiet arbeitete er auch noch nach seiner Emeritierung 1970.
In Würdigung seiner technischen und wissenschaftlichen Leistungen wurde Hertel durch die TU Aachen die Ehrendoktorwürde verliehen, er wurde zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt sowie zum Ehrenbürger des Raumfahrtzentrums Huntsville ernannt. Hertel verstarb am 5. Dezember 1982 in Berlin.
Lit.: Prof. Dr.-Ing. Heinrich Hertel 65 Jahre. Beiträge aus dem Schülerkreis Professor Hertels, Flugwelt international 18 (1966), S. 872-879, 942-947
[J. Z.] |