The shoulders on which we stand

125 Jahre Technische Universität Berlin

[TU Berlin]

[ Inhalt | vorherige Seite | nächste Seite ]

Georg Hamel (1877-1954) Georg Hamel (1877-1954)

Wer nichts als Chemie verstehe, verstehe auch die nicht recht, sprach einst Lichtenberg, und insofern lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass Georg Hamel weit mehr als nur Mechanik verstanden hat.

Georg Hamel wurde am 12. September 1877 in Düren geboren und studierte von 1895 bis 1897 an der TH Aachen Mathematik, Physik und "einige grundlegende Fächer der technischen Wissenschaften"; von 1897 bis 1900 an der Berliner und 1900/1901 an der Göttinger Universität studierte er jeweils Mathematik, Physik und Philosophie und promovierte 1901 bei David Hilbert höchstselbst mit der Arbeit Ueber die Geometrieen, in denen die Graden die Kürzesten sind. 1903 habilitierte sich Hamel in Karlsruhe für Mathematik und Mechanik, 1905 wurde er von der TH Brünn zum Professor der Mechanik berufen, 1912 von der TH Aachen zum Professor der Mathematik, und seit 1919 lehrte er an der TH Berlin als Professor der Mathematik und der Mechanik. 1933 vollzog er mit irritierendem und übersteigertem, geradezu skurrilem Pathos eine Selbstgleichschaltung; jedoch stimmt es nicht, dass auch er den Aufbau einer "Deutschen Mathematik" gefordert habe. Gegen Kriegsende wurde er ausgebombt, verließ Berlin und kehrte später nur kurz zurück, um 1948/49 acht Wochen lang an der Humboldt-Universität vorzulesen. An der TU Berlin hat er keine Vorlesungen mehr gehalten und wurde 1949 emeritiert.

Georg Hamel hob hervor, dass er David Hilbert eine besonders reiche wissenschaftliche Anregung verdanke; in einer Vorrede gedachte er Immanuel Kants als seines Lehrers - und in keinem der beiden Fälle kokettiert er mit einem berühmten Namen, denn Hamels wissenschaftliches Werk ist wesentlich durch Kant und Hilbert geprägt. Hervorgetan hat er sich in der Mechanik, der Philosophie und der Mathematik; hierin verfasste er Schriften über Funktionentheorie, Variationsrechnung, Differential- und Integralgleichungen, Zahlentheorie und - wie mit seiner Dissertation - über Geometrie. Schon diese offenbart seine philosophischen Neigungen, denn er widmet sich der grundsätzlichen Frage nach der allgemeinsten Geometrie der Art, dass darin die Gerade die kürzeste Linie sei; gelungen ist Hamel eine auch nach über einhundert Jahren noch fesselnde Antwort.

Jene Arbeit stellt zugleich einen Versuch dar, um sich in den axiomatischen Aufbau eines Gedankengebäudes einzuüben, und das wird Georg Hamels berühmtester Beitrag zur Mechanik und zur Philosophie werden. Wissenschafts- und auch erkenntnistheoretisch ist er unübersehbar bei Kant und dessen transzendentalem Idealismus in die Schule gegangen; so steht es außer Zweifel, dass Raum, Zeit und Kraft apriorische Formen sind. Hamel möchte wie sein großes Vorbild Lagrange in der Mécanique analytique analytisch vorgehen; das bedeutet die Verwendung einer deduktiven Methode, "die das ganze Gebäude einer Wissenschaft aus wenigen grundlegenden Prinzipien zu errichten strebt." Danach wird die klassische Mechanik aus diesen Axiomen auf rein logischem Wege abgeleitet.

Entstanden sind die Elementare Mechanik und als krönender Abschluss die Theoretische Mechanik - zwei philosophische Werke über mathematische Mechanik, die sich mit einem Worte Goethes über Hamels Lehrer Kant würdigen lassen: Beim Lesen wird einem zumute, als träte man in ein helles Zimmer.

Lit.: Ueber die Geometrieen, in denen die Graden die Kürzesten sind. Göttingen 1901. - Über Raum, Zeit und Kraft als apriorische Formen der Mechanik. In: Jahresbericht der DMV 18. 1909, S. 357-385. - Elementare Mechanik. Leipzig 1912. - Theoretische Mechanik. Berlin u. a. 1949.

[F. H.]

[ Inhalt | vorherige Seite | nächste Seite ]

Pressestelle | Impressum | 17.09.2004